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«(De)formierte Körper: Wahrnehmung des Anderen im Mittelalter»

Séminaire Interdisciplinaire - Strasbourg, 19 Mars de 2010

CALL FOR PAPERS

French version

„Was hat in den Klöstern unter den Augen der mit Beten beschäftigten Fratres diese Galerie lächerlicher Ungeheuer zu suchen, diese verwirrende missgebildete Schönheit und diese schöne Missgebildetheit…?“ Bernhards von Clairvaux berühmte Frage ist bis heute nicht hinreichend beantwortet. Und nicht nur Klöster und Kirchen sind voll mit Darstellungen solcher monstra, auch in der mittelalterlichen Literatur begegnet man ihnen allerorten. Missgebildete Wesen und deformierte Körper spielen eine entscheidende Rolle im mittelalterlichen Denkhorizont, weil sie das ausgewogene Maß als zentrale Kategorie der höfischen Gesellschaft übersteigen, so zum Zerrspiegel des eigenen Selbst werden und zur Selbstreflexion anregen. Bei den zahlreichen mirabilia mundi etwa wird deutlich, dass das Fremde immer nur teilweise fremd ist, eine Verschiebung des eigenen Vertrauten. Begegnungen mit diesem Fremden werden daher häufig instrumentalisiert, um eine Reflexion über das „Ich“ zu etablieren, freilich aber auch um neue Verständnisperspektiven hin auf das Andere, die bei zunehmenden interkulturellen Kontakten im Mittelalter immer notwendiger wurden, zu eröffnen.

Insgesamt ist jedoch bemerkenswert, dass der deformierte Körper überall dort eine wichtige Rolle spielt, wo es um das Thema der Wahrnehmung überhaupt geht. Dabei verweisen die deformierten Wesen nicht selten auf eine, jedes menschliche Maß übersteigende (ablesbar an ihrem Körper) transzendente Wahrnehmung; ihnen eignet ein Zugang zur göttlichen Sphäre, und so ist es kein Zufall, dass die mirabilia mundi ihren Wohnort in der Nähe des irdischen Paradieses haben, dass die wilden Naturvölker des Mittelalters in ihrer oft genug barbarischen Lebensweise noch immer auf den Zustand vor dem Sündenfall hindeuten und dass sich jene „missgebildeten Schönheiten“ Bernhards gerade an den Wänden der Klosterbrüder befinden. Deformierte Körper eröffnen neue Dimensionen der Wahrnehmung des eigenen Selbst aber vor allem auch des Göttlichen.

Obgleich sich zahlreiche Studien der letzten Jahre mit den monstra und Fantasiewesen im mittelalterlichen Kulturhorizont befassten, wurden die Funktion und der Wert dieser Darstellungen insbesondere im Hinblick auf die Wahrnehmungsfrage noch nicht ausführlich analysiert, andere „Deformationsformen“ (wie z.B. Verstümmelungen) wurden kaum damit in Verbindung gebracht. Neben den Orientdarstellungen mit samt ihren seltsamen Bewohnern (mirabilia mundi), den Tier- und Naturmenschen, der Auseinandersetzung mit häufig auch körperlich andersgearteten Heiden etc. sollen im Mittelpunkt des Forschungsseminars auch Fragen nach dem Umgang mit „realen“ deformierten Wesen in der mittelalterlichen Gesellschaft, wie etwa Missgeburten oder Kriegsverstümmelten, gestellt werden, um zu sehen, ob es auch hier eine Verbindung zur „göttlichen Wahrnehmung“ gab, ob auch hier der deformierte Körper auf eine epistemologische Grenzüberschreitung hindeutet.

Das interdisziplinäre Seminar, zu dem Mediävisten aller Disziplinen eingeladen sind, ist eine Partnerarbeit zwischen den Universitäten Straßburg und Stuttgart und wird im Rahmen des Projekts „Junge Wissenschaftler“ des GIS „Mondes Germaniques“ (Straßburg) finanziert, so dass vor allem auch Nachwuchswissenschaftler willkommen sind. Obgleich das Seminar nur an einem Tag stattfindet, ist es gewünscht, darüber hinaus eine kleine Forschungsgruppe zu diesem Themenfeld zu etablieren. Die Realisierung einer zweiten Sitzung des Seminars in Stuttgart ist für das akademische Jahr 2010/2011 vorgedacht. Eine Veröffentlichung der Beiträge beider Tagungen ist gemeinsam geplant. Die Tagungsorganisation beabsichtigt die Übernahme eines Teils der entstandenen Reisekosten.

Die Beiträge sollten nicht länger als 25 Minuten dauern, so dass jeweils noch 20 Minuten für die Diskussion bleiben. Konferenzsprachen sind Deutsch, Französisch und Englisch. Bei Interessen senden Sie ein Expose Ihres Vortrags (1 Seite) und einen kurzen Lebenslauf bis zum 31.10.2009 bitte an folgende Emailadresse:

corpsdeformes@googlemail.com

Gabriela Antunes/Björn Reich