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«Vergessene Texte»

Tagungszentrum der Historischen Sternwarte, Göttingen 2.12. - 4.12.2011

CALL FOR PAPERS

Man kennt sie und kennt sie doch nicht. Erzählende Texte in Deutsch (z.B. die Werke Bertholds von Holle, der ‚Wigamur’, Strickers ‚Karl’, die späte deutsche chanson de geste), Latein (‚gesta militum’ Hugos von Mâcon) oder anderen Sprachen. Bedeutende geistliche Autoren des Spätmittelalters (Otto von Passau, Marquard von Lindau), selten intonierte Minnesänger (Bernger von Horheim, Graf Kraft von Toggenburg) – einige von ihnen schon bald nach ihrer Entstehung wieder in Vergessenheit geraten, andere weit rezipert, und doch heute weitgehend unbekannt.

 Vor nicht allzu langer Zeit war es in der Forschung verpöhnt, sich mit solchen Texten zu beschäftigen. Schnell einmal konnte es das Todesurteil einer wissenschaftlichen Karriere bedeuten, wenn sich jemand allzu genau für sie interessierte. Sie dienten und dienen vielleicht gerne noch als Dokumente für Zeitgeschichte oder wurden als Steinburch für realienkundliche oder mentalitätshistorische Fragen (Hofzucht, Waffengattungen, Kleidung etc.) ausgewertet. In der Literaturwissenschaft dagegen wurden sie aus ästhetischen Gründen abqualifiziert oder aus ethischen Gründen, als „unanständige" Texte, zurückgewiesen. Glücklicherweise hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Wandel vollzogen. Man darf nun z.B. jene arthurischen Epigonen lesen, gleichwohl wird man sich abfällige Bemerkungen von Kollegen hinnehmen müssen. Noch immer gibt es eine Masse von Texten, zu denen kaum je Publikationen vorgelegt wurden. Und trotz des Aufbrechens früherer Wertungen hat sich gerade in der Durchsetzung neuer Studiengänge in der universitären Lehre ein Kanon von Klassikern festgesetzt, der gegenüber früheren Vorlieben nur geringfügig verändert ist und abermals Texte an den Rand drängt – nun aber vordergründig nicht mehr aus ästhetischen, sondern aus Gründen des Zeitmanagements.

 Mit der vorgeschlagenen Tagung wollen wir solchen von der Forschung vergessenen Texte ein Forum bieten. Unser Interesse ist vorrangig ein literarhistorisches. Wir fragen danach, wie eine intensive Beschäftigung mit diesen Texten die Literaturgeschichte differenzieren und ergänzen kann. Dabei verzichten wir bewusst auf theoretische Zwänge, um die Relektüre der Texte als Chance für neue Perspektiven zu begreifen. Gesucht werden Beiträge zu einzelnen Texten, die vor dem Hintergrund ihrer Tradition in ihrer Eigenart gewürdigt werden sollen. Vorschläge für 30-minütige Vorträge, gerne auch von Nachwuchswissenschaftlern, bitte bis zum 4.4.2011 an: Nathanael Busch und Björn Reich (vergessenetexte@gmx.de).